Der Herr der Sandburgen

Ich sitze am Fenster mit einer schönen warmen Tasse Kakao und schaue dem Schneetreiben zu. Ein unglaublich wohliges Gefühl, in der geheizten Stube zu sein, geschützt vor Kälte und Nass.

Kaum zu glauben, dass es in ein zwei Monaten schon wieder vorbei ist mit der kalten Jahreszeit. Die ersten Blumen strecken ihre Blüten gen Himmel, an den Bäumen wachsen die ersten Blätter. Alle Jahre wieder erwacht die Natur zu neuem Leben, nicht dass sie etwa tot gewesen wäre, nein, jedoch behutsam im Umgang mit ihrer Frucht, dem Leben. Sie ist uns unendlich weit voraus und trotzdem ohne Arroganz. Sie lässt nicht zum falschen Zeitpunkt wachsen, sondern wohl intuitiv, bedacht, dass der grosse Kreislauf nicht unterbrochen wird und die Verhältnisse zwischen Angebot und Nachfrage stimmen. Für jedes Lebewesen gibt es Nahrung, damit auch jedes Lebewesen potentielle Nahrung sein kann, was es zwingend einmal sein wird, ob morgen oder in tausend Jahren.

Auch wir Menschen können diesem Kreislauf nicht entkommen – der grössten Recycling-Maschine die es, nicht nur hier sondern im gesamten Universum gibt. So gesehen ist Wachstum etwas Elementares. Ausser es läuft etwas schief, ausser es funkt etwas in dieses komplizierte Gebilde rein. Und tatsächlich haben wir dies geschafft! Wir haben uns in unserer Selbstherrlichkeit eingebildet, das ganze besser zu können. Wir haben wirklich gedacht, dass wir Milliarden von Zusammenhängen, die diesen Kreislauf erhalten, durchschauen und kontrollieren können. Also haben wir in unserer grenzenlosen Dummheit abgefangen, gewisse Eingriffe vorzunehmen, ohne über dessen Konsequenzen nachzudenken.

Man nennt so etwas Langzeitstudie. Nach der Langzeitstudie betrachtet man sich dann das Ergebnis, erkennt, dass das eigentlich gar nicht so toll war, was man da angerichtet hat. Die logische Konsequenz daraus wäre, sofort auf Start zurück zu gehen. Was macht man jedoch? Man macht weiter. Denn nach einer Langzeitstudie ist halt schon zu viel Zeit vergangen, um die Dinge rückgängig zu machen. Warum? Ganz einfach: das ganze hat schon so richtig Schule gemacht. Irgendwer hat daraus bereits eine clevere Geschäftsidee entwickelt und diese hat weltweit ihren Nutzen gefunden, ist nicht mehr weg zu denken, vor allem nicht für jene, die daraus Profit schlagen. Das sind mittlerweile schon eine ganze Menge Leute. Also gibt es einen neuen Plan, denn wegnehmen kann man ja niemandem etwas, sonst geht die Hölle erst recht los und gefährdet gar die eigene Existenz. Das wollen wir ja nicht. Plan B wird hervorgeholt; also entwickelt, den gab‘s ja bislang noch nicht. Plan B ist, wir lassen die Leute weitermachen, einfach ein bisschen langsamer. So gibt‘s zwar auch Widerstand, der ist aber weitaus geringer als wenn man dem Buben den Sandkuchen nieder haut, man nimmt ihm lediglich die Schaufel weg. Ohne Schaufel ist es zwar mühsamer, man findet aber immer irgendwelche Leute, die am Türmchen weiter bauen, so muss man sich die Hände nicht selbst schmutzig machen. Delegieren ist praktisch. Wenn kein Sand mehr da ist, schaut man dich im nächsten Sandkasten um und, da das Türmchen dort nicht so gross ist wie das eigene, kann man gut einen Deal machen, den Sandkasten zum eigenen Territorium erklären unter einer immer grösser wachsenden Sandkasten-Holding.

Jetzt gehören eigentlich alle, mittlerweile zu Burgen mutierten Türmchen, unter eine Flagge und man ist stolz, ein Teil davon zu sein. Alle helfen eifrig mit ohne den ursprünglichen Sinn zu wissen oder gar zu hinterfragen. So wird aus „Langsam-Alleine“ plötzlich ein „Langsam-Zusammen“ und somit ein „Noch-Schneller“ als es vorher jemals war. Keiner wehrt sich, jeder ist emsig dabei, ohne auch einen Gedanken an Sinn und Zweck zu verschwenden. Bis in allen Sandkästen der Sand bis aufs letzte Körnchen aufgebraucht ist.

Jetzt geht‘s los. Der Gründer der Holding lässt nun alle die kleinen Sandkastenbetreiber fallen, es hat ja keinen Sand mehr, die Kästen bleiben aber unter der Holding, das ist ja klar und die Holding wird jetzt zusätzlich geschützt durch den Staat, damit nicht noch mehr kleine Betreiber ihren Job verlieren, dies wird jedoch unumgänglich, da erst jetzt die Langzeitstudie gemacht werden konnte, kann man ja am Anfang noch nicht beurteilen und da schon so viel Zeit vergangen ist, kann man das auch nicht mehr rückgängig machen.

Und was kommt danach? Eine Langzeitstudie würde hier wieder helfen. Die Antwort liegt jedoch auf der Hand: einer wächst, der Rest geht ein. Der Kreislauf ist somit unterbrochen denn nur ein einzelner wird niemals so viel zurück in den Kreislauf zurückführen wollen, dass alle anderen davon profitieren könnten.

Eine Langzeitstudie wird dies in ein paar Jahren bestätigen:

Zurück auf Null geht nur ohne den Menschen.

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